Mai 2018 - 100 km in unter 24 Stunden

100 km in 24 Stunden zu Fuß - eine Challenge, auf die mich ein Freund aus Berlin Anfang April 2018 aufmerksam macht. Das Ganze nennt sich Mammutmarsch und die Idee stammt scheinbar ursprünglich aus Belgien, wo sich seit August 1970 jedes Jahr zahlreiche Teilnehmer am Dodentocht probieren (die Erfolgsrate liegt laut Wikipedia bei 40 bis 60%). Der nächste Mammutmarsch findet am 26. Mai in Berlin statt und ich melde mich kurzfristig an. Immerhin habe ich zu dem Zeitpunkt noch zwei Monate Zeit bis zum Start der 100 km und im letzten Jahr bin ich schließlich mehr als 2.400 Meilen gelaufen - also kann nichts schief gehen, denke ich mir. Ach ja und eine absolvierte 35-Kilometer-Wanderung ist Startvoraussetzung. Tja, ich und das Nachdenken über Sachen, das ist selbst so eine Sache. Aber lest am besten selbst!

 

Zur Vorbereitung geht es auf den Mauerweg. Am ersten Trainingstag, einem Samstag Mitte April, geht es von der Sonnenallee bis zum Wannsee. Wir treffen uns morgens gegen 7 Uhr (junge Tanzwütige, die gerade die Grießmühle verlassen, wundern sich ganz offensichtlich über unseren Aufzug) und es geht um den Süden Berlins. Mit vielen Pausen und bestem Wanderwetter erreichen wir überraschend frisch nach 75 Kilometer (allerdings auch nach Mitternacht) die Station S Wannsee. Im Mai folgt dann der zweite und letzte Vorbereitungsmarsch von Hermsdorf bis nach Kladow. Auch diese Tour läuft entspannt, die Sonne scheint und es läuft sich mit guter Laune bis zum Schluss. Ich bin also startklar! 

Tag der Entscheidung - Der Mammutmarsch 2018

Mammutmarsch 2018 in Berlin © Mario Mielke
© Mario Mielke

 Um 14:30 Uhr treffen wir auf dem Gelände des Steffi-Graf-Stadions bei S Grunewald (Berlin) ein, ausgestattet mit der verpflichtenden Mindestausrüstung und dem Nötigsten, was da heißt: 

  • Eine geladene Stirnlampe
  • Handy mit genügend Akku-Kapazität und Powerbank
  • Regenschutz (bei mir ein Müllsack)
  • Warme Bekleidung (Fleece und Softshell-Jacke)
  • Mein neuer Granite Gear Lutsen 55 Rucksack 
  • Carbon Wanderstöcke
  • Sonnenbrille

Dazu habe ich mich noch mit einem Stück Yoga-Matte (zum Sitzen), zwei gefüllten Wasserflaschen (insgesamt 1,5 Liter) und Verpflegung ausgestattet. An den vorab markierten Stationen gibt es kostenlose Snacks und Wasser, mitnehmen tue ich: 

  • getrocknete Mangos
  • Schoko- und Eiweißriegel
  • Fleischpeitschen 
  • Käsebällchen
  • Mini Leibniz-Kekse 
  • Traubenzucker
  • 1 Salami-Brötchen

Zusätzlich habe ich wichtige Verpflegungsstationen auf der Route recherchiert. Zentrales und eigentlich auch einziges Element: Der McDonalds nach 83 km (wird sich später als böser Trugschluss herausstellen). 

Um 15:30 Uhr startet die erste Gruppe. Insgesamt nehmen ca. 1.600 Laufwütige am heutigen Event teil. Ich starte in Startgruppe vier um 16:15 Uhr. Nach dem ersten Kilometer werde ich beim Eiswagen schwach und gönne mir eine Kugel auf die Hand (denn Stehenbleiben ist natürlich keine Option). Mit einem Highspeed von 5,8 km pro Stunde geht es weiter in Richtung erste Versorgungsstation. Vom Grunewald aus laufen wir dann in Richtung Havel, an Schwanenwerder und dem Stadtbad Wannsee vorbei. Nach 17 km halten wir bei der ersten Versorgungsstation und gönnen uns eine Brotzeit und wohlverdientes 15 Minuten Füßebaumeln im kalten Wasser. 

Mammutmarsch 2018 in Berlin © Mario Mielke 

Weiter geht es vorbei an der Pfaueninsel, um den Glienicker Park und zum Park Babelsberg. Dort geht langsam die Sonne unter und wir erleben einen phänomenalen Sonnenuntergang mit Sicht auf die Glienicker Brücke. Die Stimmung bis hierhin scheint ausgelassen, es wird viel gequatscht und gelacht. 

Kurz vor Potsdam geht die Sonne unter. Weiter geht es an der Havel bis zum Templiner See, wo nach 37 km die zweite Verpflegungsstation auf uns wartet. Hier legen wir uns kurz auf den Rasen, erfreuen uns an Wasser und Snacks und halten die Füße für ein paar Minuten in die Luft. Danach geht es über die Forststraße, an der Uni Potsdam vorbei Richtung Golm. Die Stimmung ist immer noch spitzenmäßig, unser Schnitt liegt noch immer deutlich über 5,6 km die Stunde. Wir sind überrascht, wie leicht uns die Strecke fällt und unterhalten uns angeregt, um der Müdigkeit die Stirn zu bieten. Circa ab Kilometer 53 merke ich dann, wie gerne ich meine Schuhe mal wieder ausziehen würde, doch die letzten Kilometer bis zum Schloss Marquardt ziehen sich ewig. Ein Fluss ist im Weg und der Weg bis zur nächsten Brücke nervt - denn auf der anderen Seite geht man das ganze Stück wieder zurück. Endlich bei Schloss Marquardt angekommen fallen wir leicht erschöpft auf den Boden. Hier merken wir auch zum ersten Mal, dass viele der Teilnehmer aussteigen werden. Manchen fällt es bereits schwer, sich zu bewegen und der angebotene Shuttle zum nächsten Bahnhof scheint stark frequentiert. 

Mammutmarsch 2018 in Berlin © Mario Mielke 

Es kostet einige Motivation, die Wiese vor dem Schloss wieder zu verlassen. Gott sei Dank macht sich der Heuschnupfen bemerkbar, weswegen ich das Gefühl habe, sowieso schnell aufstehen zu müssen. Weiter geht es in Richtung Brandenburger Einöde. Nach etwa einer Stunde beginnt der Sonnenaufgang. Wir laufen gerade mitten durch die Wallachei und der Sonnenaufgang gepaart mit dem Nebel auf den Feldern bietet einen skurillen aber wunderschönen Anblick, der Motivation gibt.

Die sechziger Kilometer haben es dann in sich. Man merkt, wie die Stimmung bei allen Leuten insgesamt etwas gedrückter wird. Alle konzentrieren sich auf's Durchhalten, die Gespräche verstummen. Schweigend gehen wir alle hintereinander her, jeder mit seinen Gedanken alleine. Wir laufen durch Orte, von denen ich noch nie gehört habe, so etwa Fahrland, Kartzow und Priort. Der Weg bis zur Verpflegungsstation vier bei Kilometer 79 und dem vermeintlichen McDonalds bei Kilometer 83 erscheint weit. Ich lenke mich mit getrockneter Mango und Gedankenspielen ab. Nicht die Beine, sondern eher die Müdigkeit macht mir zu schaffen. Die "durchzechte" Nacht sieht man uns nun auch eindeutig an und ich beginne stilvoll meine Wanderstöcke einzusetzen, um meine Füße zu entlasten...

Mammutmarsch 2018 in Berlin © Mario Mielke 

Bei der Verpflegungsstation vier finden sich im Vergleich zu den vorangegangenen Stationen nur noch wenige Teilnehmer ein. Wir begrenzen unsere Pause auf 20 Minuten und steuern den vier Kilometer entfernten McDonalds an - der, wie sollte es anders sein, in einem Einkaufszentrum liegt und daher an diesem Sonntag geschlossen ist. Das erste Mal seit Beginn des Marsches bekomme ich richtig schlechte Laune. Schweigend schaffen wir es noch bis Kilometer 90, dann müssen wir uns eine außerplanmäßige Pause gönnen, unsere km/h sinken. Ab jetzt beginnt der Zombie-Marsch: Keiner wandert mehr so locker-flockig wie am Anfang, fast alle humpeln sich langsam voran, manche bleiben mitten auf dem Weg einfach stehen und kommen gar nicht mehr voran. Später werde ich feststellen, dass ich fast keine Erinnerungen mehr an die letzten 10 km haben werde, dieser Abschnitt zum und im Grunewald fühlt sich rückblickend wie taumelndes Schlafwandeln an.

 

Doch das große Highlight zum Schluss steht uns noch bevor: 750 Meter vor dem Ziel fängt es an wie aus Eimern zu schütten. Wir versuchen Schutz unter ein paar größeren Bäumen zu finden, werden aber trotzdem klitschnass. Etwa 15 Minuten harren wir so aus, dann entschließen wir uns die letzten paar hundert Meter zu überwinden, komme was wolle. 

 

Nach 22 Stunden und 45 Minuten sind die 100 km vollbracht. Im Ziel angekommen schaffe ich noch einen kleinen, wenn auch niedrigen Freudensprung und presse mir ein Lächeln raus, zu mehr ist mein Körper nicht mehr fähig. Ich nehme meine Medaille entgegen, wir schießen ein kleines, etwas mitleidig wirkendes Zielfoto und dann kann ich nur noch an eins denken: SCHLAF. Achja und natürlich an Essen. Gott sei Dank holt meine Mitbewohnerin uns mit dem Auto (und lauwarmen Pommes von McDonalds) ab.

Nachtrag: An diesem Tag schaffen es ein paar hundert Wanderfreudige ins Ziel. Es war ein tolles, einzigartiges Abenteuer, dessen Momente mir sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben werden. Ob ich es noch einmal machen würde? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich würde gerne behaupten "It's a once in a lifetime thing!" aber vielleicht ist es auch etwas, das mich in ein paar Jahren wieder reizen und vor neue Herausforderungen stellen wird.