E5 - Von Oberstdorf nach Meran

Einmal ganz klassisch über die Alpen wandern: Diesen Wunsch hegte ich schon lange. Jetzt, Ende Juli 2019, ist es endlich soweit. Es geht auf dem E5 von Oberstdorf nach Meran durch die Allgäuer, die Lechtaler und die Ötzaler Alpen. Drei Länder in sechs Tagen: Zu Fuß werden mehr als 5.000 Höhenmeter und rund 140 km zurückgelegt.

Packen / Vorbereitung

Zwar gibt es die Möglichkeit zur Übernachtung und Verpflegung in den Hütten und Almen, doch wir (mein Kumpel Jürgen und ich) wollen auch abseits der Pfade campen und uns selbst versorgen. Zum einen, weil wir die Ruhe und Abgeschiedenheit beim Zelten genießen, zum anderen weil man auch natürlich ganz gut Geld sparen kann. Deshalb besteht meine Packliste über die gewöhnlichen Gegenstände (Stöcke, T-Shirt, Socken, Schlafhose, Schal, Cappi, Adiletten, Sonnenbrille, Stirnlampe, Wasserblase, Softshell- und Daunenjacke, Regenjacke und Kulturbeutelchen) hinaus auch zusätzlich aus Isomatte (Therm A Rest Neo Air XLite), Zelt (Big Agnes Copper Spur UL2 ), Schlafsack (Mountain Equipment Helium), Kocher (Jetboil), Kopfkissen (Decathlon) und ich nehme meinen Granite Gear Lutsen 50l-Rucksack mit. Lieb gemeinter Tipp für reine Hüttenschläfer*innen: Ohne Zeltausrüstung schafft man den E5 sicher locker auch mit einem Rucksack unter 35l, ebenso benötigt man in keinem Fall einen Kocher oder größere Proviantmengen, da es überall Hütten und Einkaufsmöglichkeiten gibt. 

Tag 1 - Oberstdorf nach Holzgau

Heute geht es los: Die erste Etappe von Oberstdorf (Deutschland) nach Holzgau (Österreich). Zuerst mit dem Bus Nr. acht bis nach Spielmannsau. Von dort laufen wir mehr oder weniger bergauf bis zur Kemptener Hütte, wo uns ein kühles Bier erwartet. Nach einer ausgiebigen Mittagspause laufen wir über das Mädelejoch (1974 m) nach Österreich und weiter durch das Höhenbachtal. Dort folgt ein kurzer Boxenstopp am Fluss, um Füße und Getränke zu kühlen. Anschließend zieht sich der Weg bergab bis kurz vor Holzgau. Die Holzgauer haben sich etwas ganz besonderes ausgedacht: Eine Hängebrücke von 200 m, die über das Höhenbachtalschlucht nördlich von Holzgau führt; die können wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Danach heißt es husch ins Dorf, denn ziemlich dunkle Wolken kündigen einen ordentlichen Regenfall an. Genau pünktlich erreichen wir die Holzgauer Bierschenke, um uns vor dem Nass zu schützen. Anschließend machen wir uns entlang des E5 und parallel zu Lech und Dorf auf, um einen passenden Platz zum Zeltaufschlagen zu finden. Wir hätten es nicht besser treffen können: Kurz bevor der Weg den Fluss verlässt finden wir ein verlassenes Baumhaus direkt am Fluss und beschließen kurzerhand unser Zelt im Baumhaus aufzuschlagen - gratis Bad im eisigen Lech inklusive!

 

Tag 2 - Von Holzgau zur Memminger Hütte

Vom Regen geweckt! Das mindert meine Motivation ungemein. Daher wird erst einmal bis 9:30 Uhr ausgeschlafen, gemütlich Kaffee gekocht und dann das nasse Zelt eingesteckt. Um 11 Uhr packen wir es dann in Richtung Memminger Hütte. Die ersten drei Stunden geht es gemütlich an einer überraschend viel befahrenen Bergstrasse durch das Madautal (1400 m) in Richtung Berge. Der Weg ist leider etwas eintönig, später werden wir erfahren, dass fast alle E5-Wanderer*innen hier einfach das Feuerstein-Taxi nehmen (Schummler*innen allesamt). Die letzten 2,5 Stunden haben es dann in sich: 500 Meter geht es in steilen Serpentinen bergauf zur Memminger Hütte, die auf 2242 m liegt. Dafür belohnt der Weg entlang eines Wasserfalls mit einer wunderschönen Aussicht. Under dem Seekogel geht es bis zum großen Bergkessel in dessen Mitte wildromantisch die Hütte eingeschlossen ist. Auf der Memminger Hütte gönne ich mir eine heiße Dusche, wir legen das Zelt zum Trocknen aus und aufgrund der Mitgliedschaft im Alpenverein ergattern wir sogar noch zwei Schlafplätze in einem Viererzimmer. Luxus!

 

Tag 3 - Memminger bis Zamser Schihütte

Um kurz vor fünf geht's auf die Beine. Eigentliches Ziel ist es den Hausberg zu erklimmen, um den Sonnenaufgang zu sehen. Ersteres klappt, letzteres ist leider aufgrund des wolkigen Himmels weniger spektakulär als erwartet. Also schnell zurück zur Hütte und das Frühstück genießen! Anschließend geht es über die Seescharte (2.664 m) und durch und das Lochbachtal, wo die Unterlochalm auf eine ausgiebige Brotzeit einlädt. Danach geht es weiter bis in den Ort Zams, der auf 800 m liegt. Die Sonne brennt nun ordentlich und so beschließen wir kurzerhand einen Abstecher in den nächstgelegenen und mit Klimaanlage ausgestatteten Supermarkt zu tätigen, wo es natürlich auch noch ein Eis auf die Hand gibt. Am späten Nachmittag machen wir uns an die 1.000 m Aufstieg zur Zamser Schihütte (1.780 m). Es ist heiß, es gibt wenig Schatten und die meiste Zeit gehen wir die rote Piste im direkten Marsch nach oben. Entsprechend ist die Laune und umso überraschter sind wir, als wir an der Hütte ankommen und uns bereits die meisten bekannten Gesichter geduscht und mit Kaltgetränk in der Hand zuprosten. Stellt sich heraus, dass fast alle die Seilbahn genutzt haben (alles Schummler!). Eigentlich wollen wir neben der Hütte campen, doch der Hüttenwirt ist wenig begeistert und so gönnen wir uns aufgrund kurzer Erschöpfungserscheinungen erneut den Hüttenluxus und schlafen im Bettenlager. 

 

Tag 4 - Zams bis Braunschweiger Hütte

Nach dem Frühstück schleppen wir uns den Rest der roten Piste hoch bis zum Krahberg (2.208 m). Weiter geht es auf rund 2.100 m über drei Gipfel entlang des Bergkamms. Anschließend führt ein langer Abstieg bis nach Wenns, von wo aus ausnahmslos alle den Bus durch das Pitztal bis zum 40 km entfernten Mittelberg (1.734 m; Busendstation) nehmen. Als wir in Wenns ankommen ist der Bus allerdings gerade abgefahren (fährt bis 17 Uhr einmal stündlich) und so gönnen wir uns noch einen Abstecher zum lokalen Spar-Supermarkt, wo wir uns mit leckeren Snacks und kühlen Erfrischungsgetränken eindecken. Ab Mittelberg geht es dann flussaufwärts bis zur Gletschertalhütte (ca. 30 Minuten von der Bushaltestelle entfernt). Heute ist mit Abstand der heißeste Tag und so harren wir bis zum späten Nachmittag im mit Sonnenschirmen geschützten Garten der Gletschertalhütte aus. Wir planen nicht mehr ganz bis zur Braunschweiger Hütte (2.760 m) aufzusteigen, sondern wollen endlich mal wieder campen. Leider bietet sich während des gesamten Aufstiegs keine einzige Möglichkeit und so wird der Tag mal wieder länger als geplant. Der Steig ist um einiges steiler als die Tage davor, dafür entschädigt der Blick auf Wasserfälle und Gletscher. Gegen 19:30 Uhr erreichen wir endlich die Sonnenterrasse und genießen mit Blick auf die Wildspitze (3.770 m) eine ausgezeichnete Fritattensuppe. Der großartige Hüttenwirt schlägt uns vor, an einem kleinen See hinter der Hütte das Zelt aufzuschlagen und so campen wir an unserem privaten Eistauchbecken (zumindest von Jürgen getestet; bei mir hat's nur für die Füße gereicht) mit Blick auf ein einzigartiges Bergpanorama. 

 

Tag 5 - Braunschweiger Hütte bis Vent

Der Morgen beginnt spät, denn erst einmal schlafen wir ordentlich aus und frühstücken gemütlich vor dem Zelt. Als wir um 10 Uhr aufbrechen sind die Wanderer aus der Braunschweiger Hütte schon längst über alle Berge. Darum begegnen wir auf dem Weg über das Rettenbachjoch (2.988 m) bis nach Rettenbachferner keiner Person. Hinter dem Jöch bis zur Ötztaler Gletscherstrasse liegt noch Schnee und so lasse ich es mir nicht nehmen den Berg runterzurutschen. Anschließend hat man die Wahl über den Gletscher zu laufen, um den Berg herum oder mit dem Bus durch den Rosi-Mittermaier-Tunnel. Wir wollen eigentlich über den Gletscher gehen, treffen aber niemanden an, der uns was zu den Konditionen und der bevorzugten Route sagen könnte und so entscheiden wir uns sicherheitshalber gegen die Gletscherüberquerung und für den Weg zu Fuß durch den 1.729 m langen Tunnel. Dahinter geht es den Öztaler Höhenweg entlang ins rund vier Stunden entfernte Vent; aus meiner Sicht ist dieser Panoramaweg einer der schönsten Abschnitte auf dem E5. Allerdings auch mit sehr wenig Schattenplätzchen und bei 34 Grad brennt die Sonne mal wieder ordentlich. Ein Bergsee verspricht Rettung und eine Möglichkeit, nicht nur den Körper abzukühlen, sondern auch gleich Klamotten und Haare zu waschen. Gegen 17 Uhr erreichen wir Vent (1.896 m) und suchen mit ein paar Weggefährten die nächstbeste Pizzeria auf. Es fällt nicht leicht sich nach einer extragrossen Pizza Salmone und Schokoladentorte zum Nachtisch wieder aufzuraffen. Im Supermarkt werden noch schnell Frühstücksbrötchen und ein Fläschchen Wein für den Abend eingesteckt und dann geht es immer flussaufwärts Richtung Martin-Busch-Hütte. Nach etwa einer Stunde bietet sich ein etwas schräges aber dennoch akzeptables Zeltplätzchen an und so beenden wir den Tag auf einer grünen Wiese umgeben von Bergwipfeln.

 

Tag 6 - Vent über Karthaus nach Meran

Heute versuchen wir mal etwas früher aufzustehen, denn wir sind schon am letzten Tag angekommen und da heißt es nochmal so lange wie möglich genießen. Entlang des Flusses geht es weiter bergauf an der Martin-Busch-Hütte (1.690 m) vorbei bis zur Similaunhütte auf 3.018 m. Unsere letzte Berghütte vor dem Abstieg - da gönnt man sich schon mal eine Speckknödelsuppe und ein letztes Radler mit Blick auf den Niederjochferner (auch Similaungletscher genannt). Die Similaunhütte markiert zudem die Grenze zwischen Österreich und Italien, sprich nach der Stärkung setzen wir an gen Süden. Zuerst versperrt dichter Nebel die Sicht, doch nach 200 m lichten sich die Wolken und geben den Blick auf den Vernagt-Stausee frei, der scheinbar den inoffiziellen Endpunkt der E5-Alpenüberquerung nach Meran darstellt. Zum Stausee geht es via das Tisental und nach Obervernagt im Schnalstal. Der Tag ist noch früh und wir entscheiden uns am Stausee dazu, weiter nach Meran zu laufen bis es dunkel wird. Von Unser Frau bis nach Karthaus (ein ehemaliges Kloster) führt ein 90-minütiger Schweigeweg, der sich als Abschluss der Tour vorzüglich dazu nutzen lässt, Erlebtes Revue passieren zu lassen. In Karthaus fängt es dann mächtig zu regnen und zu gewittern an und wir entschließen uns, lieber den Tag Tag sein zu lassen und mit dem Bus via Naturns nach Meran und von dort aus mit dem Taxi nach Schenna zu fahren, wo uns eine Freundin auf dem Familiengut Mahlzeit und Unterschlupf gewährt. 

 

 

E5 - Mein persönliches Fazit

Der Fernwanderweg E5 ist schon eher ein überlaufenes Erlebnis, insbesondere aufgrund größerer geführter Touren. Wer einen sicheren Schlafplatz im Viererzimmer bevorzugt sollte die Hütten deshalb wohl im Voraus buchen. Wir hatten nie eine Reservierung und kamen immer unter; ich persönlich glaube auch nicht, dass der Hüttenwirt einen nicht beherbergt, wenn man später am Abend eintrifft. Solange man mit den improvisierten "Notlagern" der Hütten (u.a. gesehen in der Memminger Hütte) Vorlieb nehmen kann sollte das alles kein Problem sein. Ansonsten halt einen guten Schlafsack mitnehmen, denn Übernachtungsmöglichkeiten findet man immer! Für die Routenführung empfehlen sich GPS-Apps (z.B. Alpenvereins-App oder Outdooractive), man findet aber natürlich auch ohne seinen Weg. 

 

 

Ich war persönlich tatsächlich etwas überrascht davon, dass so viele Weggefährten die Täler und Anstiege abkürzen und stattdessen teure Taxi- oder Seilbahnfahrten in Kauf nehmen. Ich verstehe einen Fernwanderweg immer noch als einen Fernwanderweg - da geht es halt auch mal an der Straße lang oder einen steilen Anstieg am Nachmittag hinauf, je nachdem wie halt die Strecke verläuft. Im Endeffekt bleibt dies aber natürlich jedem selbst überlassen. Für mich war die Entscheidung, ein Zelt mitzunehmen, ideal. So konnten wir uns auch mal fernab der Tagesetappenziele niederlassen und hatten zumindest ab und zu ein paar ruhige Stunden in der Natur ohne anderen zu begegnen.