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Von Washington bis nach Kanada

Über zahlreiche Berge und Täler bis zur kanadischen Grenze - Die Northern Cascades

Tag 109
Meile 2282-2292
Ein relativ kurzer Tag steht an, denn wir planen vom White Pass aus zurück zu Kurts Trailer nach Randle zu fahren und dort nochmal eine Pause einzulegen. Vom Kracker Barrel Store in White Pass geht es zum Pizza-Essen nach Packwood und von dort aus weiter nach Randle, wo wir den restlichen Tag vor allem mit Duschen und Wäsche waschen verbringen. Zeit bleibt allerdings für eine kleine Spritztour mit den Motorrädern, die auf dem Gelände stehen - eine willkommene Abwechslung zum monotonen Wandern!

Tag 110
Randle + Meile 2292-2299
Am Morgen gönnen wir uns erstmal ein kalorienreiches Frühstück in Randle - wo es die wohl größten Zimtschnecken überhaupt gibt. Gegen Mittag bringt uns Kurts Freund Ben zurück zum Trail und wir wandern noch einige Meilen, bevor wir beschließen, an einem ziemlich schönen See zu campen und endlich mal wieder einen Lagerfeuerabend einzuläuten.

Tag 111
Meile 2299-2323
Die heutigen Meilen sind nicht allzu schwer und so kommen wir alle ziemlich schnell voran - was wiederum dazu ermutigt, überdurchschnittlich viele Pausen einzulegen. Wir durchqueren die Mount Rainier Wilderness und der Trail führt um den berühmten Mount Rainier (berühmt zumindest für Menschen, die sich mit Bergen auskennen). Am Abend campen wir neben einem kleinen See, der von Bergen umgeben ist.

Tag 112
Meile 2323-2351
Mit Mount Rainier im Rücken geht es die ersten acht Meilen über die höchsten Punkte der Bergketten. Die Aussicht ist top - nichtsdestotrotz langweile ich mich und noch nicht einmal spannende Politik-Podcasts können mich ablenken. Während der insgesamt 28 Meilen stelle ich mir daher einhundert Weisen vor, auf die man eine Million Euro ausgeben kann (jep, so weit ist es mit mir bereits gekommen). Gott sei Dank ist Kanada nicht mehr fern, nur noch etwa zwei Wochen trennen uns von der Grenze. 

Tag 113
Meile 2351-2372
Dieser Tag beginnt wiederholt unmotiviert. Leider schmerzen meine Füße, denn ich habe vergessen, dass ich bereits über 700 Meilen aus den Schuhen herausgeholt habe. Als wir um die Mittagszeit Empfang haben, rufe ich REI an und bestelle schnell ein neues Paar. Der Nachmittag zieht sich hin, es geht ziemlich steil auf und ab und dann gegen 17 Uhr die große Überraschung: Trail Magic! Zwei ältere Männer haben Bier, Soda, Sandwiches und Chips mit ihrem Wagen gebracht und so beenden wir den Tag kurzfristig früher als geplant.

Tag 114
Meile 2372-2390
Um 4:30 Uhr raffe ich mich auf, denn ich will noch vor 13 Uhr in Snoqualmie sein. Unsere Trailfreunde Kevin und Hannah, mit denen ich in der Wüste unterwegs war, kommen uns von Portland aus besuchen (sie mussten leider vor einem Monat den Trail verlassen). Wir treffen sie in der Brauerei und suchen uns von dort aus einen Campspot am See. Bei Wein, Hot Dogs und Warsteiner werden Geschichten ausgetauscht, das Feuer brennt bis spät in die Nacht.

Tag 115
Goldmeyer Alternate 
Der Regen, der auf unsere Zelte trommelt, weckt uns. Nach einem ausgedehnten Frühstück bringen uns Kevin und Hannah zurück nach Snoqualmie. Wir verbringen noch ein paar Stunden im Café, um unsere Geräte zu laden, dann geht es zurück zum Trail. Statt auf den PCT wandern wir auf der Goldmeyer Alternate, die etwas kürzer ist, gleichzeitig aber auch eine bessere Aussicht verspricht.

Tag 116
Goldmeyer Alternate - Meile 2427
Der insgesamt erst zweite Tag auf dem Trail mit ständigem Regen bricht an. Für mich als Hamburger Deern nicht wirklich ein Problem, allerdings nervt es, den nassen Schlafsack und das Zelt zu schleppen, auch weil die Dinger dann gleich doppelt so schwer werden. Trotzdem ein schöner Tag, denn die Aussicht ist toll und wir kreuzen am Nachmittag endlich wieder den PCT.

Tag 117
Meile 2427-2447+ Surprise Trail
Heute werden wir mit einer tollen Aussicht belohnt. Es geht auf und ab, an Bergseen und schneebedeckten Wipfeln entlang. Viele Tagesausflügler kreuzen unseren Weg und bewundern unsere lange Reise, über die wir auf Anfrage berichten. Meine Füße sind ziemlich k.o., da ich bereits mehr als 700 Meilen aus den Schuhen herausgeholt habe. Da kommt der Surprise Trail, der relativ eben bergab führt, am Nachmittag gerade recht. Außerdem endet dieser an einem Parkplatz, auf welchem wir am nächsten Tag freudig Besuch erwarten.

Tag 118
Skykomish / Dinsmores Hiker Haven 
Nach einer geruhsamen Nacht packen wir in Ruhe unsere Sachen und um neun Uhr trifft endlich der erwartete Besuch ein: Mackensie aka Birthday-Girl, die die ersten zweieinhalb Monate mit uns gewandert ist und mittlerweile wieder in Seattle arbeitet, kommt für den Vormittag vorbei. Bei Lime-A-Rita (Dosen-Margharita), Chips und Melone wird sich ausgiebig ausgetauscht. Danach bringt sie uns zur Post, zum Deli und danach zu Dinsmores Hiker Haven (das einzige größere Trail Angel Haus außerhalb von Kalifornien). Herrlich dieses Gefühl, nach neun!!! Tagen das erste Mal wieder zu duschen (und welche Unmengen von braunem Wasser da an einem herunterlaufen). Außerdem kommen wir früh genug an, um uns noch zwei der Hochbetten im Hikerhaus zu sichern und die Fernbedienung zu übernehmen.

Tag 119
Skykomish - Meile 2474
Nachdem wir uns aus den Betten geräkelt und unsere Sachen gepackt haben werden wir zurück zum Deli nach Skykomish gefahren. Dort gibt es den aus meiner Sicht besten Frühstücksburrito des gesamten Trails. Nach der Stärkung fährt uns einer der freundlichen, sich im Rentenalter befindlichen Dorfbewohner zurück zum PCT beim Stevens Pass. Wir hängen noch ein wenig am Eingang zum Trail rum und sprechen mit einigen Reitern, die gerade einen Tagesausflug beginnen (oh Mann nächstes Mal reite ich das Ding auch, das wirkt so viel cooler), dann rappeln wir uns am frühen Nachmittag endlich auf.

Tag 120
Meile 2474-2499
Ein langer Tag steht an, denn unser Timing soll nicht unter unseren ausgedehnten Neros (beinahe Zeros, also Null-Meilen-Tage) leiden. Die Aussicht ist den ganzen Tag lang atemberaubend, aber ich bin bereits am frühen Nachmittag k.o., denn die Auf- und Abstiege sind nicht ganz ohne. Doch mal wieder werde ich vom Trail belohnt, denn ich treffe nicht nur zahlreiche Murmeltiere auf dem Trail an, sondern wir campen diese Nacht auch an einem der besten Spots überhaupt auf dem Trail und sowohl der Sonnenuntergang als auch der -aufgang am nächsten Tag lassen mich die Anstrengungen vergessen.

Tag 121
Meile 2499-2523
Der Campingplatz zwischen zwei Berggipfeln zahlt sich aus: Der Anblick am frühen Morgen ist prächtig, die ersten Meilen wandere ich über den Wolken. Die Landschaft bleibt atemberaubend - leider kann ich das nur halb genießen denn zum einen geht es die meiste Zeit ziemlich steil bergauf, zum anderen sehe ich mich gezwungen in meinen Decathlon-Wandersandalen zu laufen, da meine Schuhe wirklich durch sind. Erschöpft baue ich nach 24 Meilen mein Zelt neben dem Trail auf und falle sofort in die Federn.

Tag 122
Meile 2523-2550
In meiner heißen Socken-Sandalen-Kombo starte ich in den Tag. Nach einem ziemlich anstrengenden Aufstieg geht es bis zum späten Nachmittag Gott sei dank eher gemäßigt zu. Nur die letzten Meilen gehen noch einmal steil bergauf, doch wie immer lohnt sich der Ausblick - und der Countdown läuft; nur noch 100 Meilen bis zur Grenze!

Tag 123
Meile 2550-2570, Stehekin 
Stehekin ruft und so geht es zügig einige tausend Fuß hinab zur Ranger Station, von der aus wir per Anhalter nach Stehekin kommen. Nach einem kalorienreichen Mittagssnack wird das Zelt hinter dem Besucherzentrum aufgeschlagen, dann geht es Richtung Waschbungalow. Den Rest des Nachmittags und Abends verbringen wir auf dem so genannten Deck, von dem aus man über den See blicken kann, dazu gibt es Bier und es werden Trailgeschichten ausgetauscht. 

Tag 124
Stehekin, Meile 2570-2575
Erstmal wird ausgeschlafen, dann hole ich bei der Post meine neuen Schuhe ab (Highlight des Tages). Avo und Gabs, die mit uns in der Wüste unterwegs waren, haben uns ein Care Package zukommen lassen (neben Leckereien vor allem Hochprozentiges zum Anstoßen an der Grenze). Nachdem die Rucksäcke neu bepackt sind geht es zur Bäckerei, auf jeden Fall das Highlight des beschaulichen Ortes. Ich gönne mir ein Sandwich und eine ziemlich riesige Zimtschnecke und dann geht es per Anhalter zurück zum Trail. Doch weit kommen wir nicht, denn der Alkohol ist doch etwas zu schwer und so beschließen Cougar Bait und ich, uns der Sache anzunehmen. Daraus wird dann eine relativ heitere Angelegenheit, bei der wir vorbei kommenden Thruhikern einen Schluck Whiskey für ein paar Minuten Unterhaltung anbieten.

Tag 125
Meile 2575-2607
Als selbst auferlegte Strafe für den gestrigen faulen Tag geht es noch vor fünf Uhr früh aus den Federn. Ein Hitzehoch hat Washington derzeit in der Hand und so wird es bereits am Morgen unerwartet heiß. Gegen Mittag überqueren wir Rainy Pass und gönnen uns erstmal eine ausgedehnte Lunchpause. Dann geht es entlang wunderschöner Bergketten und am Abend wieder hinab. 32 Meilen insgesamt - gar nicht so schlecht! Meine Füßen erfreuen sich einem eines eiskalten Flussbads, bevor es in den Schlafsack geht.

Tag 126
Meile 2607-2635 
Früh krieche ich aus dem Zelt. Die Jungs haben einen kleinen Vorsprung vor mir und ich will natürlich nicht alleine am Monument, welches die Grenze zwischen den USA und Kanada markiert, stehen. Außerdem erwarten wir Erich am Harts Pass (er hatte uns vor einigen Tagen aufgrund eines Magenvirus verlassen müssen und scheint wieder wohlauf). Gegen Mittag treffe ich auf Sparkle und Kurt, doch Erich ist noch immer nicht aufgetaucht und so machen wir uns wohl oder übel ohne ihn auf den Weg. Den vorerst letzten Abend auf dem Trail wollen wir mit einer guten Aussicht abschließen, daher steht wieder ein langer Tag auf dem Programm. Als wir am Abend am auserkorenen Zeltplatz ankommen ziehe ich wie immer Shirt und BH zum Trocknen aus und schlüpfe in meinen Fleece. Als wir dann nach dem Abendessen zurück zu unseren Zelten gehen erwische ich doch tatsächlich ein Rentier, welches genüsslich an beiden Kleidungsstücken nagt, die ich zum Trocknen aufhing (muss das Salz aus meinem Schweiß gerochen haben). Super angewiedert stecke ich die noch warmen und von Rentiersabber durchtränkten Kleidungsstücke ins Zelt - auf so ein Naturerlebnis am letzten Abend in Washington hätte ich doch gut verzichten können.

Tag 127
Meile 2635-2650
Nur noch 15 Meilen bis zur kanadischen Grenze - ich kann es kaum glauben! Und es passiert was immer passiert, wenn man kurz vorm Ziel angelangt: Mein Knöchel schwillt über Nacht gefährlich dick an und ich passe kaum in meinen Schuh. Wir verbinden ihn behilfsweise mit Stoffstreifen aus einem alten T-Shirt und ich humpel langsam Richtung Kanada. Als ich endlich Stunden später am Monument ankomme, erwartet mich die gesamte Crew, denn Erich ist uns mit dem Auto über Kanada aus entgegen gekommen und von Manning Park aus zum Monument gelaufen. Nach den obligatorischen Beweisfotos (ja, die Leggins wurde nur für diesen einen Zweck erworben) geht es zum nahe gelegenen Zeltplatz, wo wir uns bei einer Flasche Whiskey und Ramenbombs selbst feiern. 

Tag 128
Meile 2650-2658
Leider bildet das Monument nicht wirklich das Ende des Trails: Noch weitere acht Meilen trennen uns von der Zivilisation und ich reiße mich noch einmal zusammen und krüppel diese letzten Meilen langsam aber nicht ohne Stolz voran. Nachdem wir auch diese gemeistert haben geht es direkt erstmal zu Wendy's und Tim Hortons! Nach der wohlverdienten Stärkung geht es mit dem Auto über die Grenze zurück nach Washington und auch zurück zum PCT bei Harts Pass, da Sparkle ohne Pass unterwegs war und somit nicht mit nach Kanada einreisen konnte. Das Dinner bildet dann eine Mischung aus Taco Bell und McDonalds (womit wir auch die relevantesten Fast Food Ketten an einem Tag abgedeckt haben und auch vollständig mit Magenkrämpfen ins Bett gehen werden) und gegen 23 Uhr erreichen wir dann endlich auch Seattle. Diese und die folgenden Nächte dürfen wir hier in Mackensies Apartment verbringen, ein echter Luxus!



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Kommentare: 1
  • #1

    Sonja (Sonntag, 10 September 2017 20:17)

    Schicke Hose!