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Die ersten Wochen ohne Blasen

Big Bear Lake und Wrightwood bis Hiker Heaven

Tag 17

Meile 236 - 253

Nachdem der vorherige Tag mich stark mitgenommen hat, bange ich vor den heutigen Meilen. Allerdings unbegründet, denn wir laufen fast ausschließlich im Schatten, sie Höhenunterschiede halten sich im Rahmen. Zum Mittag gibt es Thunfischraps in einer verlassenen Hütte. Eigentlich lautet der Plan, einen 20-Meilen-Tag zu absolvieren. Doch bei Meile 253 erwartet uns nicht nur ein Sofa, sondern auch Trail Magic in einer grossen Tonne. Wir entdecken Nudeln und Tomatensosse und beschließen,  eine Pastaparty zu starten.  Auf drei Gaskochern zaubern wir genug Essen, um fünf hungrige Mäuler zu stopfen. Ein guter Tag! Achja und mein Trailname festigt sich. Ab jetzt bin ich Sasquatch (unverkennbarerweise in Anlehnung an meinen unaussprechlichen Namen).

 

Tag 18

Meile 253-266

Heute lautet der Plan bis Mittag in der Stadt zu sein. Gesagt, getan: Die 13 Meilen bis zum Highway werden noch vor 11 Uhr morgens dahingerafft. Dann (Spannung steigt): Mein erster Hitchhike! Oneday und ich versuchen unser Glück gemeinsam. Nach einer gefühlten Ewigkeit (es sind nur 10 Minuten) fährt ein Trail Angel mit seinem Truck an den Straßenrand.  Er nimmt uns mit nach Big Bear Lake ins Big Bear Hostel. Als wir ankommen, erwarten uns viele bekannte Gesichter und ich freue mich hauptsächlich auf mein erstes Bett seit knapp drei Wochen. Aber zuerst die Arbeit: Einchecken, Duschen, Wäsche waschen, Resupply einkaufen, Essen.

 

Tag 19 und 20

Big Bear Lake

Eigentlich wollte ich nur eine Nacht bleiben, aber das Wetter macht mir einen Strich durch die Rechnung. Ein Schneesturm ist angesagt,es soll mächtig regnen und schneien. Na gut, muss ich mich halt mit Lesen, Netflix und Kochen bei Laune halten. Die erzwungene Auszeit tut echt gut, nur schlafen will mir nicht so recht gelingen. Ich wache aus Gewohnheit vor 7 Uhr morgens auf. Umso besser für die anderen Hostelgäste, denn Sasquatch macht Pancakes für alle.

 

Tag 21

Meile 266-286

Und es geht wieder in die Wildnis. Mich kribbelt es nach 2,5 Zeros so richtig in den Füßen. Um 9 gibt uns der Kellner der Nachbarkneipe einen Hitch zum Highway und damit zur Meile 266. Die Strecke, die folgt, ist ganz nach meinem Geschmack: Etwas hoch und dann immer geradeaus an den Bergseiten entlang, am Schluss etwas bergab. So vergehen die 20 Meilen wie im Flug. Die Pause tat wirklich sehr gut, Beine und Füße sind viel leichter als noch vor ein paar Tagen. Und ich finde einen zweiten BH in der Hikerbox (wenn meine Brüste weiter schrumpfen passe ich da in zwei Wochen rein). Zum Abendessen gibt es lecker Kartoffelbrei mit Speck, mein neues Lieblingsgaskocheressen nach 2 Wochen Yumyum-Nudelsuppe.

 

Tag 22

Meile 286-306

Früh wie immer wird gestartet. Doch der Hikerhunger lässt mir keine Ruhe. Trotz Frühstück muss ich nach nur 4 Meilen meine ersten Snacks verdrücken. Gott sei Dank bleibt der Weg relativ leicht bezwingbar. So werden auch heute 20 Meilen draus. Mit Landsgenosse Stefan wird abends nahrhafter Kartoffelbrei gekocht. Leider stelle ich fest, dass ich die nächsten drei Tage über 20 Meilen am Tag schaffen muss, um meine Pakete in Wrightwood noch vor dem Wohenende, an dem die Post geschlossen ist, abholen zu können. Mega doof, zum einen da ich meine Crowd verlassen muss, zum anderen weil zwei richtig nice Highlights anstehen: Die Deep Creek Hot Springs und McDonald's bei Cajón Pass.

 

Tag 23

Mile 306-328

Früh morgens geht es los. Schließlich macht mehr Sinn, die Hot Springs zu genießen,bevor die Hitze der Wüste über uns kommt. Um 7 Uhr bin ich da. Der Pool ist bereits gut besetzt. Ich geselle mich für ein Stündchen dazu. Danach geht's weiter. Ganze 22 Meilen, sprich 40 km lege ich zurück. Es geht am Fluss entlang und dann um einen wunderschönen See. Am Ende landen wir in einer ziemlich grossen Gruppe am Rande des Sees auf einem öffentlichen Campingplatz. Der Pizzamann aus der nächsten Stadt liefert auf Anruf. Als er ankommt ist es, als wäre Jesus auferstanden. Alle scharen sich um ihn, in der Dunkelheit der Nacht erkennt man nur ein leuchtrotes Pizzareklameschild auf seinem Dach.

 

Tag 24

Meile 328-341

Wieder geht's früh los. Zum Mittag ruft McDonald's. Es gilt die 20-Dollar Challenge: Wer über diese Summe bestellen und danach noch laufen kann, ist der Held. Ich schaffe gerade mal 15 Dollar ( 20 Chicken McNuggets, eine grosse Pommes, Cola ohne Limit und ein großes McFlurry). Danach kann ich mich kaum noch bewegen. Der Teufel (Erich, Dillan und McKenzie) verlockt mich. Ich skippe ein paar Meilen und lande dank vier Rädern direkt in Wrightwood. Heimlich nisten wir uns vor allen anderen in einem örtlichen Hotel ein. Der Weg ist das Ziel sagt man doch so schön. Naja manchmal ist es wichtiger, mit wem statt wie man diesen Weg beschreitet. Am Abend gibt es noch ein paar Gute-Nacht-Margeritas beim Mexikaner, dann ist Schlafenszeit.

 

Tag 25

Wrightwood

Nach einem ordentlichen Frühstück (frischer Kaffee aufs Haus und Breakfast-Burrito) geht's zu den Pflichtaufgaben: Post abholen, für die nächsten Tage einkaufen, Wäsche waschen, Emails checken. Den Rest des Mittags verbringen wir vor dem Hotel süffig-amüsant mit ein paar Bier. Um 4 Uhr nachmittags ist die Zeit des Seele-Baumeln-Lassen dann vorbei. Ein freundlicher Typ mit Cowboy-Hut bringt uns zurück zum Trail. Florian, Sophia, Camille und ich laufen einige Meilen bis vor den Fuss des Bergs Baden-Powell. Den heftigen Anstieg bewahren wir uns für den morgigen Tag auf. Die Abendstunden werden für ausgiebiges Kartenspielen genutzt.

 

Tag 26

Meile 374-389

Die Nacht war der Horror. Es war so kalt, dass ich fast kein Auge zutat. Ich werde mir auf jeden Fall noch einen Liner für meinen Schlafsack besorgen müssen, bevor es in die Sierras geht. Dafür ist der Tag schön. Noch vor 11 Uhr erreichen wir die Spitze von Baden-Powell. Danach geht es ein paar Meilen weiter bis zum Lunch Spot. Ich habe etwas Verbotenes getan und frisches Gemüse mitgebracht (verboten da viel zu schwer). Dafür gönne ich mir Sandwiches mit frischen Tomaten und Gurke. Am Nachmittag erfolgt ein weiterer Aufstieg, am Ende des Tages campen Victoria und ich am Abhang. Als es dunkel wird, erleuchtet in der Ferne ein Lichtermeer: Los Angeles.

 

Tag 27

Meile 389-408

Der Tag startet mit einem ausgedehnten Frühstück. Nach einem kleinen Stück PCT müssen wir aufgrund geschützter Tierarten für ein paar Meilen auf den Highway ausweichen. Das ist unser Glück. Ein Autofahrer namens Dan hält an und lädt uns auf einen Snack in die gegenüberliegende Skihütte ein. Als wir ankommen prasselt ein Kaminfeuer, Victoria und mir wird dreierlei Schokolade gereicht: Heisse Schokolade, Schokocornflakes mit Milch und Schokobiskuitrolle; eine exzellente Auswahl für ein zweites Frühstück. Wir füllen noch schnell Wasser ab, dann geht es weiter. Am späten Nachmittag treffen wir auf Ken und seine Freunde. Sie sind Trailrunner und geben uns eine Cola aus. Wir kommen ins Gespräch und irgendwie landen wir bei ihnen im Auto Richtung Highway mit dem Ziel: Der In n Out Burger in Palmdale. Unverhofft kommt oft. Und so sitzen wir zwei dreckigen Thruhiker mit den drei Trailrunnern in Californiens beliebtesten Fast Food Restaurant, neben uns herausgeputzte Familien, die den Mothers Day feiern und uns etwas pikiert anstarren. Die Burger mit Milchshake gehen runter wie Butter, danach erfolgt der Shuttle zurück zu unserer Ausgangsstation. Von dort aus geht es nur noch bis zum nächsten Campingplatz und Punkt Hikermitternacht (9 Uhr abends) liegen wir vollgefressen in den Kojen.

 

Tag 28

Meile 408-430

Der Morgen vergeht wie im Flug. Der Lunch-Spot ist eine Feuerwehrstation mit Wasseranschluss. Ich komme gerade rechtzeitig, um mich mit 5 anderen Hikern vor das überdachte Klo zu zwängen, da geht auch schon das Unwetter los. Es hagelt für eine halbe Stunde. Irgendwann machen wir uns alle auf den Weg. Die verbleibenden 12 Meilen sind hart: Es regnet und stuermt, gleichzeitig geht es 1000 Fuss hinauf aud einen Berg. Die Sicht liegt teilweise unter fuenf Metern. Am Ende erreichen wir pitschnass und erschoepft den Zeltplatz. Der Abend endet mit einem grossen Lagerfeuer, an welchem wir Schuhe trocknen und die Hände wärmen.

 

Tag 29

Meile 430-450

Die Nacht ist okay, am Morgen trocknen wir Zelt und Kleidung in der Sonne, dann geht's bergab bis zum KOA-Campingplatz. Mit Soda und Eis liegen wir auf dem Rasen in der Sonne, der Tag vergeht wie im Flug. Doch das Übernachten kostet 15 Dollar und so geht es um 5 Uhr doch noch mal los fuer ein paar Meilen. Kurz vor der Interstate finden Victoria, OneDay, Kurt und ich einen guten Campspot.  Der Sonnenuntergang wird auf dem nächstgelegenen Hügel genossen, danach gibt es MacnCheese und Schokolade.

 

Tag 30

Meile 450-455

Ein kurzer Tag steht bevor. Zuerst geht es durch Vasquez Rocks. Hier wurde unter anderem für Star Wars und Twilight gedreht. Die Steinformationen sehen teilweise aus, als ob jemand sie eigenhändig vom Mars hergetragen hätte. Doch lange können wir den Anblick nicht geniessen, denn das morgendliche Endziel steht seit geraumer Zeit fest: Hiker Heaven. Das Haus der Sauffleys in Agua Dulce ist eine Legende, denn hier gibt es alles: Küche, Dusche, Wasch- und Poststation, Näh- und Friseurecke, Wohnzimmer und Trailerpark. Nach einem kurzen Stop im lokalen Frühstücksrestaurant treffen wir hier ein und stoßen sogleich auf viele bekannte Gesichter.  Mein Highlight: Die Outfitboxen, aus denen man sich etwas Passendes aussuchen kann, während die eigene Wäsche gewaschen wird. Ein Traum; ich entscheide mich für lila und türkis. Pirate hat ein Auto gemietet und so geht es um 11 zu sechst Richtung Los Angeles. Doch nicht die Stadt, sondern der nächste REI ist unser Ziel. In der Mal fühlen wir uns wie Aussätzige, alle starren uns aufgrund unseres Aufzugs an. Gut, dass wir in der Gruppe unterwegs sind. Bei REI gibt es dann einen Schlafsack Liner und Thermoleggins für mich, denn was nächtliche Kälte angeht bin ich immer noch eine Pussy. Auf dem Rückweg wird eingekauft und dann feiern wir mit Tequila Boom Boom und Spaghetti mit Bacon vor dem Flachbildfernseher auf Wunsch von Victoria den norwegischen Nationalfeiertag.


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Kommentare: 1
  • #1

    Daydreamer (Donnerstag, 05 Oktober 2017 14:18)

    Cooler Blog!
    Siehst total dieser Josefine Preuss ähnlich.

    Mfg