· 

Die zweite Woche in der Wildnis

So langsam gewoehnt man sich dran...

Tag 8

Meile 110-127

Nur schwerlich kann ich mich von Warner Springs mit seinem WLAN, Toiletten und Sitzgelegenheiten losreißen. Ich schaffe es erst gegen 8 Uhr los. Dafür steht ein toller Tag bevor, die Sonne scheint mäßig und der Aufstieg gibt eine hammer Aussicht frei. Die Mittagspause nutze ich, um meinen eingerissenen Zelteingang zu flicken. In der  nächsten Stadt werde ich versuchen, mit Big  Agnes einen Umtausch auszuhandeln. Gegen späten Nachmittag erreichen wir Mike’s, ein Haus besetzt von mehreren zugestrahlten, aber äußerst freundlichen Männern mittleren Alters. Es gibt Pizza und Polenta, dazu Bier. Wir campen hinter dem Haus.

 

Tag 9

Meile 127- 144

Am Morgen wird noch schnell Rührei und French Toast verdrückt, dann geht es ab in die Berge. Mittagspause machen alle an der fast elnzigen Wasserquelle auf diesem Abschnitt. Geschlafen wird auf einem Felsvorsprung, der Wind raubt den Schlaf, dafür ist der Sonnenuntergang unbezahlbar.

 

Tag 10

Meile 144-163

Mit großem Elan wird in den Tag gestartet. Der Grund: In 8 Meilen erwartet uns das Paradise Valley Café, welches den besten Burger des Trails servieren soll. Pünktlich zur Lunchzeit kehren wir ein. Nach einem José Burger (wahrscheinlich mein bester Burger auf dem Trail), einem Franziskaner und 1.5 Liter Cola geht's weiter. Leider ist ein Teil des PCTs wegen einem Waldbrand im Sommer 2013 gesperrt. Ich entscheide mich daher, mit Hanah und Kevin am Highway 74 entlang zu laufen. Eigentlich eine gute Idee, zur Abwechslung schaue ich mir Trucks und Pferderanches an. Am Abend kommt eine grosse Gruppe auf dem Campingplatz zusammen. Brüderlich wird das überteuerte Bier aus dem nächsten Campingladen geteilt. Ein guter Tag!

 

Tag 11

Meile 163-179 (ungefähr)

Über dreckige Seitenwege und kleine Straßen erreichen wir Idyllwild.  Für alle, die noch nach einer idyllischen Bergstadt in California suchen: Dies ist einer der niedlichsten Orte, die ich je gesehen habe. Kleine Cafés und bunte Restaurants säumen die 4-5 Straßen des Dorfes, der örtliche Fluss heisst Strawberry Creek. Die meisten PCTer campen auf dem Campingplatz, man trifft viele bekannte Gesichter. Nach ner ordentlichen Dusche wird zum ersten Mal Wäsche gewaschen, danach der Supermarkt halb leer gekauft, am Abend gönnt man sich ein Bier in der hauseigenen Brewery.

 

Tag 12

Immer noch in Idyllwild.

Nach einem deftigen Frühstück bestehend aus gefühlt drei Kilo Pancakes geht's in den Gear Shop. Ich probiere den neuesten Hype und kaufe mir “Untersocken”. Das soll gegen Blasen helfen. Gott sei Dank habe ich größere Schuhe gekauft, sodass ich trotz doppellagiger Socken rein passe.  Den Rest des Tages verbringe ich mit dem Kindle und der Luftmatratze in der Sonne. Man muss schließlich auch mal die Füße trocknen und die Seele baumeln lassen.

 

Tag 13

Früh geht's aus den Federn. Nach dem gescheiterten Versuch, Pancakes mit einem Gaskocher zuzubereiten, entscheide ich mich für ein paar trockene Sandwiches. Dann geht's ab in die Berge. Wegen der Feuergeschichte kann man nur via alternative Routen zurück auf den Trail. Die Entscheidung fällt auf den Ernie Maxwell Trail.  Eigentlich ist nur ein Aufstieg bis kurz vor den San Jacinto, den höchsten Berg Südkaliforniens, geplant, doch die Sache läuft (dank doppelter Sockentechnik und Microspikes) und so schaffe ich es noch vor Nachmittag bis auf die Spitze. Schon seltsam mitten in der wüstigen Landschaft auf Schnee zu laufen. Achja und die Nacht in der Nähe der Spitze ist natürlich arschkalt.

 

Tag 14

Meile 183-201

Als ich morgens das Zelt öffne blicke ich auf Schneehügel. Dies erkore ich als Zeichen für den ersten Tag, an dem es sich lohnen könnte, lange Hosen anzuziehen. Auf Microspikes geht es Fuller Ridge, also die andere Seite vom Mount Jacinto hinunter. Nach etwa 4 Meilen wandelt sich das Bild wieder: Nun ist wieder Wüstenhitze und Sand angesagt. Da es praktisch nur bergab geht vergeht die Zeit wie im Flug und dank der Doppelsockenaktion habe ich auch nur rekordverdächtige “eine Blase” zu verzeichnen. Den Berg hinab begleiten mich zahlreiche Echsen aller Art. Gecampt wird mit Hanah, Kevin, Olivier und anderen am Fuße des San Jacinto mit Blick auf die Spitze. Kaum zu glauben, dass der Abstieg mehr als einen Tag in Anspruch nahm wo doch der Berg zum Greifen nah erscheint.

 

Tag 15

201-218

Der Tag startet früh. Bereits ab 6 strahlt die Sonne, ab 7 Uhr zählt das Thermometer bereits 42 Grad. Nachdem wir die 4 Meilen vom Berg runter sind wird erst einmal Wasser abgefüllt. Danach beginnt der vermeintliche Lauf durch die Wüste. Doch bereits nach 2 Meilen die erste positive Überraschung: Ein Camper mit zwei mega netten Trail Angels, die kalte Bier austeilen. Ein Bier um 8 Uhr morgens hat noch keinem geschadet. Nach einem kurzen Schnack geht es durch die kochend heiße Ebene. Schatten verspricht eine Autobahnbrücke. Und da folgt die zweite Überraschung des Tages: Mama Bear versorgt hungrige Hikers unter der Brücke mit Hot Dogs, Orangen, Chips, Soda und Bier versorgt. Ein guter Grund, ein paar Stunden zu verweilen. Und das ist eine gute Idee, denn die nächsten 9 Meilen sind die bis dato härtesten. Bei über 40 Grad geht es erst durch eine Wüstenebene und dann steil bergauf und bergab. Die Strecke zieht sich gefühlt endlos. Ich denke oft ans aufhören. Es gibt ja supergünstige Flüge von L.A. Nach Cancun…. Gott sei dank werde ich am Abend mit dem bis dato mitunter weltbesten Campingplatz belohnt.  Whitewater Preserve überzeugt mit einem natürlichen Pool inmitten einer hellen und bunt bewachsenen Flusslandschaft.

 

Tag 16

Meile 218 - 236

Ich dachte gestern wäre der härteste Tag. Da wusste ich noch nicht, dass es noch schlimmer kommen kann. Heute geht's bei gefühlt über 50 Grad heftigst auf und ab. Die einzige Rettung verspricht der kühle Mission Creek, der uns über die meisten Meilen begleitet.  Regelmäßig lege ich mich vollbekleidet in den Fluss, um abzukühlen. In der Mittagspause sitze ich im Fluss und filtere mir Wasser in den Mund, insgesamt gönne ich mir ganze 7 Liter Wasser an dem Tag. Abends um 8 erreiche ich endlich den  beabsichtigten Campingplatz. Der Hikerhunger bricht über  mich herein, ich gönne mir ne dicke Portion Pasta mit Pesto.

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 0