Saskia und das Projekt Thruhike - Ein Interview vorab

Nichts ist unangenehmer als sich selbst auf seinem Blog präsentieren zu müssen, finde ich zumindest. Daher einfach mal ein Interview. Und da weder ZEIT noch Süddeutsche Zeit (haha Wortwitz) für mich finden konnten werde ich eine experimentelle Mischung aus Im Gegenteil und Mit Vergnügen in Eigenregie anwenden, um die tieferen Beweggründe meiner Reise öffentlich zu ergründen.

 

Saskia, nächste Woche geht es los. Verrate uns: Wie fühlst du dich gerade?

 

(Nervös schmunzelnd) Eigentlich ganz gut. So richtig realisiert habe ich das alles noch nicht. Es gab in den letzten Wochen einfach noch zu viel zu regeln: Steuererklärung, Arbeit, Untervermietung, Verabschiedung und Gearkauf, da war zum Nervös werden so gut wie keine Zeit.

 

Und hast du denn jetzt schon alles erledigt?

 

Ich glaube mit so einer Reise ist es wie mit einer Masterarbeit. Man kann einfach immer weiter optimieren und redigieren, aber ab einem gewissen Punkt muss man einfach innehalten und sich sagen: So das reicht jetzt, besser wird es nicht. Beschäftigt man sich mit dem PCT und dem Thema Fernwandern dann fällt schnell auf, dass es unglaublich viele Blogs, Gruppen und Foren gibt - und mindestens genau so viele Meinungen. Jeder gibt seine Tipps zum Besten, manche davon sind bewährt, andere wiederum super subjektiv (z.B. zum Thema Trail Runner oder Goretex Wanderstiefel). Im Endeffekt muss man gucken, welche Prios man selbst festlegt und die Produkte einfach austesten. Im Zeitalter von WLAN und Onlinehandel ist das ja alles kein Problem, notfalls kann man viele Sachen auch einfach kostenlos austauschen.

 

(Mit frechem Unterton) Bist du denn überhaupt erfahren genug, um sechs Monate zu laufen?

 

(Mit patzigem Unterton) Natürlich nicht. Dafür hätte ich wohl in einer Öko-Wanderfamilie hineingeboren werden müssen (wir waren eher so die spießigen Cluburlauber). Aber ich bin zumindest mal ein bisschen Jakobsweg gelaufen und im Zweifelsfall höre ich da auf meine Mutter, die beim letzten Halbmarathon zu mir meinte: "Sportlich ist sie nicht, die Saskia, aber Durchhaltevermögen hat sie."

 

Saskia, viele Leser fragen sich, wie du das anstellst: 27 Jahre jung und dann erstmal ein halbes Jahr auf Job und Wohnung verzichten.

 

Tja wer nicht wagt der nicht gewinnt (schlimmster Spruch ever aber irgendwie natürlich auch wahr). Ich merke halt, dass ich wie eine Wilde durchs Leben gehetzt bin: Schule, Studium, Praktikum und dann Arbeit. Auch wenn ich zwischendurch schon viel gereist bin, so hab ich doch nie so richtig eine Auszeit genommen und mir überlegt was ich will und wie ich das anstelle. Mega clichéhaft ich weiß (aber eine Teilschuld gebe ich an diesem Punkt auch der ZEIT mit ihren blöden “Deine Generation ist so und so und will dass und dass”-Artikeln). Auf jeden Fall ist gerade ein guter Zeitpunkt, um zu gehen: Mein Vertrag lief aus, meine Wohnung ist in guten Händen, ich musste mich um meiner selbst willen von meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten distanzieren und einen wunderschönen schwarzgelockten Mann mit Vollbart und kleinem Bäuchlein habe ich auch bisher nicht gefunden (Shoutout anyone ???).

 

Das klingt einleuchtend. Aber Saskia, mal Hand aufs Herz: Was kommt denn bei so einer Reise wirklich raus, außer körperlicher Fitness und neu gewonnene Survival Skills.

 

Auf der Reise will ich erkunden, wie ich besser auf meine körperlichen und psychischen Grenzen hören lernen kann und mich mal so richtig mit mir selbst beschäftigen statt mich um anderer Leute Leben und Sachen zu scheren. Ist natürlich auch ein Luxus, den “meine Generation” zumindest in Industrieländern hat und das weiß ich auch sehr zu schätzen. Andererseits haben sich auch viele Dinge geändert (werde ich noch Rente erhalten oder muss ich bis 80 durchackern? Und wenn ich so alt und gebrechlich bin,  kann ich dann noch überhaupt was mit meiner ganzen Kohle anfangen?). Wenn man die Chance nun nicht ergreift, wann dann? Eine meiner vielen besonders schlauen Freundinnen meinte letzte Woche zu mir: "You don’t want to pay with your life for a life that you don’t want!" - Recht hat sie.

 

Und wie kann man dir denn nun etwas Gutes tun?

 

Eine exzellente Frage! Zum einen natürlich, indem ihr diesen Blog lest damit ich viele Klickzahlen habe und dann irgendwann zur Dagi Bee des Langstreckenlaufens werde und einen exklusiven Sponsoringvertrag mit Globetrotter abschließen kann (Decathlon ist auch OK to start with).

 

Zum anderen, indem ihr für die Vereine Amerika21 und Visions for Children e.V. spendet, tolle Vereine, die komplett auf Ehrenamt bauen und damit superkrasse Projekte als Gemeinschaft realisieren.

 

Achja und ich persönlich freue mich über persönliche Playlists auf Spotify. Und falls ihr einen schlechten Musikgeschmack habt nehme ich auch umgestellte Bilder in kitschigen Pyjamas entgegen.

 

 

Achtung Update: Es gibt ein Leben danach

 

Ihr Lieben,

 

es ist Anfang November und ich befinde mich nun wieder in meiner Wahlheimat Berlin. Jeden Tag muss ich an diese wunderbaren Tage auf dem Trail zurückdenken und ich vermisse schmerzliche diese Freiheit und Weite. Es gibt noch so viel mehr zu erzählen, doch ich will zukünftig meine Zeit intensiver nutzen. Dazu gehört auch, das Smartphone einfach mal beiseite zu legen, öfter den Moment zu leben, ab und zu mal anzuhalten. Denn eigentlich lernt man nach fünf Monaten auf Wanderschaft genau das: Es ist wichtig, auch mal langsamer zu gehen, mal stehen zu bleiben, sich Zeit zu nehmen zu reflektieren. 

 

Kleine Ziele im Alltag sollen die großen, schweren Fragen des Lebens ersetzen. Ich möchte weniger über das nachdenken, was nicht funktioniert, und mehr darüber, was ich alles habe und für was es sich lohnt, dankbar zu sein: Stühle, frische Socken, Obst und Gemüse, ein kaltes Bier nach Feierabend und natürlich Freunde, Familie und die Natur, die da draußen noch immer auf mich wartet (zumindest bis wir sie alle mit unserem Verhalten endgültig zerstören)!